Brace For Impact

Es sind Bilder, die man sich nicht vorstellen möchte. Ein vollbesetztes Passagierflugzeug, das kurz nach Start außer Kontrolle gerät und abstürzt. Feuerwehr und Rotes Kreuz trainieren für dieses Szenario.

Reportage

Der dunkle Rauch der Turbinen ist schon von weitem zu sehen. Der Rumpf des Airbus-A320 ist in drei Teile gebrochen, es riecht nach Kerosin, Schutt und verbranntem Kunststoff. Ausgerissene Sitze liegen verstreut im Gebüsch. Etwa dreißig Meter von den Trümmern entfernt liegt ein Mann regungslos im Gras. Manfred Hanakampf steigt aus seinem Fahrzeug, der Motor läuft weiter. Das Adrenalin schießt durch seinen Körper. Er weiß: die nächsten Stunden hat er hier das Sagen.

Diese Szenen tragen sich an einem Samstagvormittag in Schwadorf zu, einer Zweitausend-Seelen-Gemeinde nahe Schwechat. Auf einer brachliegenden Wiese üben Rotes Kreuz und Freiwillige Feuerwehr für den Ernstfall: den Absturz einer Passagiermaschine. Die Organisatoren dieser Großschadensübung inszenieren alles so realistisch wie möglich. Fast alles: anstelle des Flugzeugs befinden sich verschrottete Pkw und ein ausrangierter Autobus der Wiener Linien.

Der 34-jährige Manfred Hanakampf trifft mit seiner Mannschaft als Erster am Schadenplatz ein. Während der Anfahrt ist er noch angespannt, immerhin muss er die Einsatzleitung für alle Rettungskräfte übernehmen. Am Einsatzort verfliegt die Anspannung. Er überblickt die Lage, fordert per Funk weitere Kräfte an und bespricht sich mit seinem Team.

Immer wieder schreien Verletzte panisch um Hilfe und wollen versorgt werden. Die Figuranten spielen ihre Rolle perfekt. Der Stresspegel ist hoch, doch Hanakampf bleibt ruhig. „Man darf nicht sofort mit der Patientenversorgung anfangen, sondern muss zuerst ein Führungsteam zusammenstellen und eine Infrastruktur aufbauen.“ Hanakampf versucht alle Schlüsselpositionen mit den richtigen Personen zu besetzen. „Die Entscheidungen zu Beginn sind die schwierigsten, denn sie entscheiden darüber, wie der Einsatz ausgeht.“

Schweißtreibendes Arbeiten

Es ist ein sonniger Tag in Schwadorf. 150 Meter vom Übungsplatz entfernt spielt die U12-Mannschaft des ASK Schwadorf im Heimspiel gegen den SC Perchtoldsdorf. Nur gelegentlich übertönen Jubelschreie die Hilferufe.

Die ersten Feuerwehrfahrzeuge rollen an. Feuerwehrleute löschen vereinzelte Brandfelder rund ums Flugzeug. Eine Einheit wird zu einem Pkw geschickt, der ein abgerissenes Wrackteil darstellen soll. Das Fahrzeug liegt etwas abseits vom Geschehen auf einem kleinen Hügel. Es ist zur Seite gekippt. Zwei Personen sind darin eingeklemmt. Die Feuerwehrmänner sichern das Fahrzeug mit einer Seilwinde gegen Verrutschen, dann tragen sie ein Autoteil nach dem anderen ab und verschaffen sich Zugang zu den Verletzten.

Auch, wenn die Arbeit der Feuerwehr eine Männerdomäne ist, befinden sich auch Frauen in der Mannschaft. Eine von ihnen trägt langes, blondes Haar und schneidet ein Loch in die Dachluke des Linienbusses. Auf ihrem Rücken trägt sie die Aufschrift GKDT. Gruppenkommandantin. Sie genießt es, den Männern Anweisungen zu geben. Auf ihren Zuruf schleppen zwei junge Burschen, kaum älter als 18 Jahre, schweres Gerät. Schere, Spreizer, Kettensäge.

Der zur Seite gekippte Linienbus – er soll die Passagierkabine simulieren – stellt für die Retter die größte Herausforderung dar. Hier drinnen befinden sich die meisten eingeklemmten Verletzten. Stangen und Haltegriffe, die jetzt quer liegen, werden zum Hindernis. Aber auch am Linienbus liegt ein Verletzter. Vier Feuerwehrmänner versorgen ihn. Mit Gurten fixieren sie ihn auf einer harten Trage aus Plastik, um Wirbelschäden zu vermeiden. Das Metall unter ihren Füßen vibriert. Ein Kollege schneidet mit der Flex von außen ein Loch in die Metallwand. Funken sprühen.

Lazarett Schwadorf

Etwas abseits vom Schadenplatz liegen Patienten verstreut in der Wiese herum. Der Anblick wirkt chaotisch, doch dahinter steckt System. Die Retter nennen es Patientenablage: Feuerwehrleute und Bergetrupps laden hier alle Verletzten ab. Ein Arzt begutachtet und triagiert sie, teilt sie also einer Prioritätenstufe zu. Dabei unterliegt er strengen Zeitvorgaben: einen liegenden Patienten darf er nicht länger als drei Minuten untersuchen, einen Sitzenden eine Minute. Dann muss er entscheiden, auf welche Behandlungsstelle er verlegt wird.

Sanitäter bringen ein siebenjähriges Mädchen und legen es neben eine Frau mit schweren Gesichtsverbrennungen. Gegenüber liegt ein apathisch wirkender Mann, daneben eine junge Frau, die Converse trägt. Die Wiese verwandelt sich in ein kleines Lazarett.

Vier Feuerwehrmänner bringen jenen Mann, den sie vorher vom Dach des Busses geborgen haben. Der Triagearzt tastet den Patienten ab, sucht nach Brüchen und Wunden. „Tief Luft holen!“ Er fühlt den Puls, legt ihm eine Halskrause an. „Der gehört auf die Zwei!“ Gemeint ist die Behandlungsstelle zwei: „Dringende Behandlung.“
Das Prinzip der Sanitätshilfsstelle – so der Fachbegriff für die Versorgungsstruktur bei einem Großschaden – besteht darin, verschiedene vom Unfall betroffene Personen zu voneinander zu trennen. Lebende von Toten. Verletzte von Unverletzten. Leicht- von Schwerverletzten. Auf den Behandlungsstellen erhalten sie dann je nach Priorität Hilfe. Auf Behandlungsstelle eins sofort, auf zwei so schnell wie möglich. Leichtverletzte landen auf Behandlungsstelle drei und werden erst später betreut. Auf Behandlungsstelle vier landen jene Patienten, bei denen es nicht ökonomisch wäre, Personal zur Behandlung einzusetzen. Oder anders ausgedrückt: hierher kommen die Menschen zum Sterben.

Ein zwölfjähriges Mädchen wird auf Behandlungsstelle eins verlegt, sein Finger wurde beim Absturz abgetrennt. Der Notfallsanitäter fragt das Mädchen: „Was ist denn passiert?“ – „Das Flugzeug ist abgestürzt.“ –„Oh, na ganz grauslig!“ Er hält dem Mädchen ein steriles Plastiksackerl hin. „Schmeiß den Finger da rein!“

Starke Führung

Inzwischen wird die Einsatzleitung auch administrativ unterstützt. Ein Adjutant erhält eine Passagierliste und vergleicht sie mit den Patientendaten. In der Praxis würde es wohl länger dauern, bis die Einsatzkräfte an Passagierlisten kämen. Zuvor würde ein Krisenstab einberufen werden, in dem Behörden, Einsatzkräfte und die Fluglinie vertreten sind.

Einsatzleiter Manfred Hanakampf erhält laufend Anfragen. „Wir haben keine Tragen mehr!“, „Können die Patienten auf Behandlungsstelle drei abtransportiert werden?“, „Es sind noch sechs Leute im Flieger eingezwickt!“ Es ist sein erstes Mal als Einsatzleiter bei einem Großschadensszenario. Doch er weiß: „Bei so einem Einsatz wünscht sich jeder Sani einen Einsatzleiter, bei dem er sich anhalten kann. Der Entscheidungen trifft und Befehle erteilt.“ Anders als bei alltäglichen Rettungseinsätzen ist hier ein autoritärer Führungsstil gefragt.

Mit Autorität dürfte Manfred Hanakampf Erfahrung haben. In seinem Beruf arbeitet er als Justizwachebeamter in der Justizanstalt Josefstadt. Beim Roten Kreuz ist er seit 15 Jahren. Seine Schwester führte ihn zum Roten Kreuz, als sie neben der Krankenpflegeschule auch Dienste am Rettungswagen versehen hat. Beim Bundesheer absolvierte er die Ausbildung zum Sanitätsgehilfen, besuchte später Weiterbildungen zum Einsatzfahrer und Gruppenkommandanten. Goldene Schulterabzeichen verraten, dass er alle Ebenen der Führungskräfteausbildung absolviert hat.

Viel Bürokratie

Mittlerweile werden die ersten Toten geborgen. Puppen aus aneinandergebundenen Holzstämmen simulieren die Leichen. Vier Feuerwehrmänner tragen so eine Holzpuppe vorbei an Verletzten und Schaulustigen und legen sie bei der „Sammelstelle Tote“ neben eine andere „Leiche“ ins Gras.

Die ersten Patienten werden abtransportiert. Für die Transportleiterin bedeutet das vor allem eines: Bürokratie. Jeder Patient muss einem Spital zugewiesen werden. Die Aufnahmekapazitäten der Spitäler sind allerdings beschränkt. Spezielle Listen geben vor, welche Krankenhäuser innerhalb welcher Zeit wie viele Patienten mit welchen Verletzungen aufnehmen können. Vorausschauendes Denken ist gefragt. Ein Adjutant protokolliert alle relevanten Daten: Patientennummer, Fahrzeugnummer, Zielspital, Uhrzeit.

Der Ruf eines Feuerwehrmanns unterbricht den Arbeitsrhythmus: „Wir haben die Blackbox gefunden!“ Irritiert sehen sich die Sanitäter an, verunsichert, was sie mit dieser Information anfangen sollen. Feuerwehrleute stellen den Flugdatenschreiber sicher und legen ihn ins Auto. Später sollen sie dafür von Bezirkskommandant Michael Kirschka getadelt werden: „Wenn ihr einmal so ein orangenes Teil findet: lasst es liegen!“

Nach eineinhalb Stunden wird die Übung schließlich beendet. Die leblosen Figuranten erwachen wieder zum Leben, unterhalten sich und scherzen. Das Ergebnis fällt positiv aus: 20 Verletzte, 18 Unverletzte, vier Tote. In der Praxis wären es wohl weitaus mehr gewesen.

Zum Abschluss lädt die Freiwillige Feuerwehr alle Übungsteilnehmer ins Feuerwehrhaus. In der Garage hängt ein 16-Bogen-Plakat von Palmers. Es gibt Würstel, Cola und Bier. Ein zehnjähriges Mädchen, das zuvor eine Verletzte gespielt hat, sitzt mit seiner Mutter auf einer Heurigenbank. Die aufgeschminkten Verletzungen hat sie noch nicht abgewaschen. Mit Schürfwunden und blutverschmierten Händen taucht sie den Frankfurter ins Ketchup und beißt genüsslich ab.

Wenige Tische weiter sitzt auch Manfred Hanakampf und resümiert den Einsatz. „Das meiste hat gut geklappt. Gut war, dass wir weitgehend auf Funk verzichtet haben und direkt kommuniziert haben. Ein Problem war aber die Kommunikation zur Feuerwehr, hier hätte es so was wie einen Verbindungsoffizier gebraucht.“ Das Gespräch wird plötzlich vom Heulen einer lauten Sirene unterbrochen. Es ist 12:00 Uhr. Nach 15 Sekunden endet der Krach. Aus dem Lautsprecher ertönt eine metallische Stimme: „Samstag, 25. April 2015: Sirenenprobe Schwadorf positiv.“